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Punksplitter

Popper gegen Punker - die Schlacht blieb aus!

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»Über 1400 lederbekleidete Punker kommen am Samstag nach Köln, um Popperdiscos zu stürmen«

»Popperlokale heuern Leibwächter an« -So titelte die Boulevardpresse in Köln schon Tage zuvor. Von den Punks wusste niemand davon.

 

Die Ereignisse am 12.12.1980 in der Kölner Innenstadt waren wohl eine der wenigen Auseinandersetzungen zwischen Punks und Poppern in dieser Region, die es in die Presse schafften. Oder sozusagen aus der Presse in die Realität. Nicht nur dass die Randale Tage vorher angekündigt war - vom damals für seine Mord- und Totschlag-Storys berüchtigten Kölner Express.

 

Niemand der Szeneleute, die sonst über so gut wie alles Bescheid wussten, was hierzulande Punk betraf, hatte jenseits der Boulevardpresse davon gehört. Es gab meines Wissens auch keine Flugblätter, Plakate oder Fanzineartikel. Nur die Ankündigungen im Kölner Express, dazu Mundpropaganda.

 

Ich konnte im Jahr 2005 einen Zeitzeugen befragen, der 1980 als 16jähriger Schüler dabei gewesen ist, und der aus einer sehr interessanten und ungewöhnlichen Perspektive berichtete. Da er seinen Namen nicht genannt haben wollte, nennen wir ihn hier »Heinz Zabel«.

 

P.B.: »Wie möchten Sie angesprochen werden? Mit ihrem Dienstgrad, mit Herr Zabel, oder darf ich einfach Heinz sagen?«

H.Z.: »Im Allgemeinen werde ich mit Herr Major angesprochen. (lacht). Nein, über diese Dinge soll man keine Witze machen. Heinz genügt.«

P.B: »Ok, Du sagst, Du hättest zum ersten Mal in der Schule, von der Ankündigung erfahren …«

H.Z.: Das ist ist richtig. Es war Tagesthema auf dem Pausenhof, man konnte dem überhaupt nicht ausweichen.

P.B: »Du warst damals schon Punk, korrekt?«

H.Z: »Nein. überhaupt nicht, zumindest was das Äussere und Extrovertierte betrifft. Ich war einer der Typen mit eher längeren Haaren und BW Parka und habe mich für Science-FictionLiteratur und Chemie Interessiert.«

P.B: »Und nackte Frauen?«

H.Z: (lacht) »Ja, sicher, aber die weniger für mich. Zumindest zu der Zeit. Ich habe damals mit meinen Kumpels Bomben gebaut und Dinge in die Luft gesprengt.«

P.B.: »Echt?«

H.Z.: »Ja!«

P.B.: »Wie kam es dann, dass Du oder Ihr zum Punktreffen in die Stadt gefahren seid, um Euch das anzusehen?«

H.Z.: »Es war endlich mal was los. Ich habe mich mit meinem Kumpel Michael* getroffen, der in der Stadt wohnte. Auch so eine Art Nerd, aber mit deutlich mehr Möglichkeiten. Erst haben wir uns ausgerüstet - mit leeren Co2-Kapseln, losem Schwarzpulver und Zündschnüren für professionelle Böllerschüsse, Klebeband und was der Dinge mehr sind. Ich hatte noch ein kurzes Stahlrohr dabei, und Michael trug Handschuhe aus dem Motocross-Bedarf, die an den Knöcheln verstärkt waren.«

P.B.: »Wolltet ihr in den Krieg ziehen ?«

H.Z.: »Das kann ich nach gut 25 Jahren nicht mehr so genau sagen. Wir waren gespannt wie vor einer unserer Sprengungen. Voller Adrenalin und ein wenig irre. An Krieg haben wir eher nicht gedacht. Jedenfalls war in der Fußgängerzone auf den Weg zum Dom schon alles voller Polizei. Ich glaube, das war das erste Mal im Leben, dass ich ein solches Aufgebot gesehen habe. Auf der Domplatte sahen wir dann das erste kleine Grüppchen Punks, das sich an der Wand zum Dom entlang drückte und sichtlich beunruhigt war.«

P.B.: »Du meinst die hatten Angst?«

H.Z.: »Ja, das kann man so sagen. Die Stadt war voll mit Prügelpoppern, Asis mit Knüppeln und Baseballschlägern auf der Suche nach einem Kampf. Ich war echt froh, mit meinem Parka nicht aufzufallen. Die Punks erzählten uns, dass die Polizei alle Punks aus anderen Städten im Vorfeld aus dem Zug geholt hätte. Und auch sonst seien praktisch keine Punks in der Stadt. Die Asis suchten jetzt nach Irgendwelchen zum Draufhauen. Dann wollte Michael zum McDonald’s. Er hoffte dort einige Leute aus unserer Schule zu treffen.«

P.B.: »Punks?«

H.Z.: »Nein, ganz bestimmt nicht. Was das anging, standen wir tatsächlich auf verschiedenen Seiten. Jedenfalls trafen wir einige Mitschüler, die nur aus Neugier dort waren und setzten uns zu ihnen an den Tisch. Was dann passierte, ist etwas aus heutiger Perspektive völlig Wahnsinniges.

P.B: »Lass mich raten - Ihr habt Sprengladungen klargemacht.«

H.Z: »Ja! Wir haben in aller Öffentlichkeit, im gut besuchten McDonald’s am Dom, Schwarzpulver in unsere metallene Kapseln gefüllt. Kurze Zündschnüre mit Klebeband auf die gewünschte Verzögerung verlängert und reingefriemelt.«

P.B: »Und das hat keiner bemerkt?«

H.Z: »Doch, wahrscheinlich schon, aber niemand hat den kompletten Vorgang gesehen. Wir haben das schon gegenseitig verdeckt … ich denke, niemand hat wirklich verstanden, was wir da machen. Danach sind wir zum Bahnhofsvorplatz und die Treppen zum Dom hoch. Da waren damals auf halber Höhe noch Zwischenplattformen. Von da aus konnte man neben und zwischen den Treppen nach unten sehen. Dort blieben wir stehen und hatten so einen Überblick über den Bahnhofsvorplatz. Der war schon mit sicher über tausend Schaulustigen gefüllt. Ich hab dann die Tasche mit meinem Zeug neben mich auf die Brüstung gestellt und eine der mit Pulver gefüllten Kapseln in die Hand genommen.«

P.B: »Nein!«

H.Z: »Doch! Michael zündete, ich entspannte meine Finger, und die Kapsel sauste mit sprühender Zündschnur nach unten. Genau hinter eine Reihe von Polizisten, die den Platz bis auf die Treppenaufgänge abgeriegelt hatten. Genau in den halb gefüllten Mülleimer, der dort unten stand.«

P.B: »Oh!«

H.Z: »Dazu muss man sagen, der Platz unterhalb der Treppen war leer. Vor der Treppe versperrten ca. 50 Polizisten den Weg Richtung Bushaltestelle und Straße, die unter der Domplatte verlief. Man konnte nur noch nach oben. Ein greller Lichtblitz, dann ein widerhallender extrem starker Knall. Darauf folgte ein Aufschrei aus tausend Kehlen, wie der Jubel nach einem Tor beim Fußball, fast so laut wie die Explosion selbst. Die Menge, die eben noch den Bahnhofsvorplatz gefüllt hatte, stürmte dann die Treppen zum Dom.«

P.B: »Mein Gott was habt Ihr getan? Den Polizisten muss die Scheiße ja regelrecht um die Ohren geflogen sein!«

H.Z: »Kann schon sein. Das hat uns selbst völlig überrascht. Es war aber eine gute Gelegenheit zu verschwinden und in der Menge unterzutauchen.«

 

Heinz Zabel hat natürlich noch mehr erzählt, aber hier endet der relevante Teil. Der Rest handelt von Dingen, die auch in der damaligen Presse zu finden waren. Der Umstand, dass die Explosion keine große Erwähnung in Presse und Medien fand, lässt darauf schließen, dass seinerzeit niemand ernsthaft zu Schaden kam.

 

*Name geändert.

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