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Story

Duftende Kastanien

von

Titus hat angerufen und gefragt, was ich mache. Ich sitze im Garten und genieße den Tag. Er macht den Vorschlag, rüber nach Castrop zu kommen. Ok, mach ich. Da isses immer lustig bis unberechenbar. Auch gern kriminell oder nah dran. Jedenfalls nicht langweilig.

Ich parke meinen rottigen Strichachter hinter einem ebensolchen Fahrzeug der gleichen Baureihe mit Berliner Kennzeichen und der dort öfters gesehenen, bunten Graffitti-Bemalung. Der Krankenwagen von Titus fügt sich schön ins Gesamtbild ein.

Die türkischen Nachbarn gehen ihrer traditionellen Handarbeit vorm Haus nach. Ein Gefühl von Zuhause kommt zwischen diesen Trümmern auf.

Wir paffen uns ein Pfeifchen zurecht, und meine Wahrnehmung verändert sich. Das Geschrei und die total übersteuert laute Mucke bringen mich dazu, mal vor die Tür zu gehen, aus dem Chaos raus. Wenn ich die nächste Zeit hierbleiben will, muß ich erstmal meinen Kopf leermachen. Das geht aber nicht, wenn ich die ganze Zeit Input habe. Ein letzter, tiefer Zug aus der Pfeife, den ich lang drinbehalte, während ich mich auf den Weg mache.


Die Bullen stehen im Halbkreis um die Haustür herum. Ich laufe ihnen direkt in die Arme.

Weil das Autoradio im Krankenwagen auf höchster Einstellung Bad Religion in die Boxen hämmert, dröhnt aus den offenen Autotüren etwas, das die Ansage des Oberbullen einfach nicht durchdringen läßt. Durch meine verschobene Wahrnehmung finde ich die Uniform-Hemden der angerückten Truppe durchaus farblich passend zu dem verblichenen Uralt-Lack des Krankenwagens. Gut, der metergroße »DIXI«-Klo-Aufkleber auf der Haube beißt sich etwas.

Der Einsatzleiter sagt etwas. Ich verstehe nix. Ich riskiere ein halbes Auge nach hinten; ich bin allein vorm Haus. Offenbar gilt die Rede mir …

Ich sehe, daß die Uniformierten allesamt Handschuhe anhaben. Also bitte, es ist August und die frieren? Eher nich. Außerdem hat der eine oder andere die Druckknopf-Klappe an seinem Knarrenholster geöffnet. Aha, man ist vorbereitet! Aber mir wird nicht klar auf was. Diese Unsicherheit nervt mich. Ich brülle den Einsatzleiter an, was er von mir will. Er antwortet was, das ich nicht verstehen kann. Das nervt total …

Ich gehe zum Krankenwagen, drehe den Lautstärke-Knopf auf ein begründetes Maß herunter und frage den Bullen nochmal in halbwegs ordinärem Tonfall, was Phase ist.

Er brüllt - weiterhin mit Kasernenhof-Tonfall - auf mich ein, was der Lärm soll und wieso und überhaupt. Ich hab nicht richtig zugehört und stattdessen die Blüten an dem Kastanienbaum vorm Haus bewundert. Die riechen echt interessant! Ach so, was haben Sie gesagt?

Er sagt »Sind Sie der Halter dieses Fahrzeugs?« Ich sage »Nö«, weil mein Auto nicht dieses hier ist, sondern fünf, acht Meter weiter steht.

»Und warum machen Sie dann die Musik leiser, wenn das nicht ihr Auto ist?«, fragt er.

Ich antworte »Weil ich Sie nicht verstehen kann, wenn das so laut ist.«

Unterdrücktes Gelächter auf Seiten der uniformierten Kollegen.

Der Schock, den ich beim Anblick der Bullentruppe bekommen habe, ist einer geklärten, aber beschwingten Sicht der Dinge gewichen. Ich komm aus der Situation wohl nicht einfach so raus, aber das kann durchaus amüsant werden.

In diesem Moment stürmt Titus mit nem kurzen Knüppel in der Hand aus der Tür und brüllt »Ey, welcher Arsch hat die Mucke ausgemacht?« Er guckt so, als hätt er Tollwut und LSD auf einmal. In Wirklichkeit liebt er aber einfach seine Kassetten-Mucke und ist pissig, wenn es nicht dröhnt. Leider ist er aber durch alle möglichen Einflüsse seeehr schwerhörig geworden. Deshalb die unmenschliche Lautstärke. Und: some music has to be played loud! Ob da Bullen stehen oder nicht, ist ihm völlig gleichgültig.

Titus geht zu seinem Auto und dreht die Mucke wieder auf. Der Einsatzleiter sieht rot und dreht eigenhändig am Volumen. Titus und der EL schreien sich gegenseitig an »Wer ist hier verantwortlich für den ruhestörenden Lärm?« und »Wat willst du von meinem Auto, nimm die Finger da wech, ey, Olle!«

Ich sage: »Ich hab das leise gemacht. Darauf brüllt mich Titus an, was mir einfallen würde, einfach so ..... Ich sage »Ich kann den Bullen nich verstehen, wenn das so laut ist.« Das sieht Titus ein, ist aber der Meinung, das Gespräch ist jetzt vorbei, und der vorherige Zustand kann wieder hergestellt werden. Der EL will Titus in den Arm fallen, was der mit einer Armbewegung quittiert, die den Polizisten-Arm nach hinten rotieren läßt. Die lieben Kollegen stehen da, beobachten und warten ab, wie sich die Situation entwickelt.

Ich weiß, daß da auf beiden Seiten niemand nachgeben wird. Also bringe ich ein wenig Dynamik in die Situation, indem ich um das Auto herumgehe. Das zieht die Aufmerksamkeit aller auf sich.

Ich habe aber nix Geplantes vor, will mich nur bewegen und da weg. Wegen laut und so …vollzuschimpfen, was ich für ein Idiot sei und blablabla … Das interessiert mich allerdings auch nicht besonders. Ich gehe weiter, auf mein Auto zu. Das deutet einer der Bullen als Fluchtversuch und hindert mich mit Ansage, und seine Hand fällt auf seine Knarre. Titus brüllt von hinten: »Ihr könnt die Handschuhe ruhig ausziehen, wir ham´ kein Aids, ihr blöden Schweine.« Der eine oder andere Bulle guckt etwas betroffen auf seine Schuhe. Ich bleibe stehen und gucke meinen Knarren-Zieher an.

Der hat offenbar die Erwartungshaltung, daß ich irgendwie türmen will, dabei bleibe ich einfach stehen und beobachte. Sieht funny aus, so ein Beamter, der sich nicht entschließen kann, was als nächstes zu tun ist. Er kann sich aber auch nicht entspannen, deshalb bleibt er in seiner Zwangshaltung so stehen. Ein bißchen John Wayne versus Schlendrian.

Derweil hat sich Publikum angesammelt. Der punkige Inhalt der Küche und die türkischen Patriarchen aus dem Nachbarhaus sind inzwischen ins Freie getrudelt und wollen was glotzen. Das können sie haben! Ich fange an, mit John Wayne zu diskutieren, und Titus und der Einsatzleiter brüllen sich gegenseitig nieder. Die Punks feixen; die Patriarchen erwarten nix Außergewöhnliches mehr und trollen sich wieder zu ihrem Tee.

Die Hausfrauen zeigen auf mich, auf Titus und in alle Himmelsrichtungen und heben ein Gezeter an, das mit Vokabeln garniert ist wie »Jeden Tag« , »immer laut!« und »Polizei«. Schön, chaotische Zustände. Der Rausch läßt ein wenig nach und ich bekomme den Wunsch, dagegen anzuarbeiten. Ich setze mich in Bewegung in Richtung Kofferraum meines Autos. John Wayne reagiert mit »Wo wollen Sie hin?«

Ich sage: »An meinen Kofferraum«, zeige auf mein Auto und zücke den Schlüssel. Den braucht man eigentlich nicht, eher einen Schraubenzieher, aber angesichts der Lage ist das Symbol 'Schlüssel' wirkmächtig, und der Bulle denkt ein, zwei Sekunden nach. Derweil hole ich ne Kiste Bier aus dem Kofferraum und stelle sie auf den Gehweg, direkt zwischen mich und John Wayne.

Zupp, ne Löte aus dem Kasten, ein freundliches »Willste auch eins?«, ein belustigtes Grinsen meinerseits und der Bulle ist total aus dem Konzept. Ich trinke. Ich trinke aus. Verblüffung.

 

Der Einsatzleiter hat gerafft, daß er sich hier zum Gespött der Stadt macht, wenn er hier nicht durchgreift. Er hat aber offenbar auch realisiert, daß inzwischen das halbe Ghetto zuguckt. Ohne Gesichtsverlust oder Gewaltanwendung gehts eigentlich nicht weiter. Man kommt überein, daß laute Musik ok ist, solange sich niemand beschwert. Die Hausfrauen von nebenan wollen sich auf keinen Fall über laute Musik beschweren. Wir auch nicht.

Unter der Drohung, »Aber beim nächsten Mal …« wird die uniformierte Truppe ausgelacht und nach Hause geschickt. Schade, daß das Gras alle ist …

 

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